4. Futterqellen

Die naheliegende Methode, im Winter an Nahrung zu kommen, ist für uns Menschen das Vorratssammeln, das auch in der Vogelwelt vorkommt [18]: Eichelhäher verstecken Eicheln, Tannenhäher Zirbel- und Haselnüsse, um sie im Winter wieder auszugraben. Der Kleiber versteckt Samen (z. B. Bucheckern, Hasel- und Zirbelnüsse, auch Sonnenblumenkerne) unter der Borke und bedeckt sie noch zusätzlich. Von unseren einheimischen Meisen horten vor allem Sumpfmeisen, aber auch Tannen- und Haubenmeisen, die den Vorrat in dichten Zweigen oder Rindenspalten verstecken. Im Herbst kann man z.B. gelegentlich beobachten, wie ein einziges Pärchen Sumpfmeisen den großen Blütenkorb einer Sonnenblume im unermüdlichen Einsatz binnen kurzer Zeit leerpickt und dabei viel mehr abtransportiert, als es in dieser Zeit sofort essen könnte.

Die zwei häufigsten Meisenarten, Kohl- und Blaumeise, verstecken keine Sämereien [18]; sie sind wie viele andere Vogelarten auf das angewiesen, was ihnen die Natur auch im Winter noch bietet, und das ist eigentlich viel mehr, als ein oberflächlicher Blick – womöglich gar in einen unserer "gepflegten", denaturierten Gärten – erkennen läßt: An Bäumen, Sträuchern, Gräsern und Wildkräutern sind im Herbst die Früchte (Hülsenfrüchte, Nüsse, Beeren etc.) und Samen gereift und stehen nun noch lange Zeit der hungrigen Vogelwelt zur Verfügung; selbst kleine Spinnen und Insekten sowie deren Eier und Larven lassen sich jetzt in ihren Verstecken noch erbeuten; die Tag- und Nachtgreife ernähren sich von Aas und/oder den lebenden Beutetieren, die im Winter noch aktiv sind.

Die erreichbaren pflanzlichen Futterreserven haben am Winterfutter den allergrößten Anteil und werden jetzt auch von vielen Vogelarten genutzt, die sich – an ihren langen und dünnen Schnäbeln erkennbar – im übrigen Jahr hauptsächlich mit tierischer Nahrung versorgen. Diese Erweiterung des Nahrungsspektrums ist eine Anpassung, die die Überlebenschancen beträchtlich erhöht und auch die Konkurrenz mit Arten, die auch im Winter nach lebender Beute suchen müssen, vermeidet.
    Natürlich herrscht trotz alledem im Winter kein Schlaraffenland, vielmehr eine harte natürliche Auslese, der immer schwächere Individuen zum Opfer fallen. Diese ganz natürliche Situation wird jedoch durch unvernünftige menschliche Eingriffe in die Natur erheblich zu Lasten der Vogelwelt verschärft.

Unsere Landschaft wird weiterhin überbaut, zuasphaltiert, "kultiviert", intensiv land- und forstwirtschaftlich genutzt und vergiftet – mit einem Wort: für den menschlichen Gebrauch umfunktioniert. Das ökologisch so wertvolle »Ödland« bzw. »Umland« verrät schon mit seinem Namen, daß es mehr als andere Landschaftsflächen einer Schonung und Erhaltung für "un"wert erachtet wird. So fallen nicht nur Lebensräume und Bruststätten, sondern auch die Nahrungsquellen dem menschlichen Egoismus zum Opfer. Die noch vor wenigen Jahrzehnten weitverbreiteten Pflanzengesellschaften der Wegränder, Schutt- und Ödlandflächen (»Ruderalflora«) sind ebenso wie die Ackerbegleitflora (»Segetalflora«) und die vielfältigen Heilkräuter und Wildgemüse weitgehend verschwunden. Auch heute noch werden diese sogenannten "Un"kräuter (richtig: Wildkräuter) ausgerissen oder totgespritzt und » wenn überhaupt « durch ökologische minderwertige, optisch aber angeblich reizvollere exotische Arten ersetzt. Selbst städtische Gartenämter vernichten diese "un"werten Pflanzengesellschaften immer noch, um dem Kulturbürger ihren "verwilderten" Eindruck zu ersparen!

Mit den Pflanzen verschwinden natürlich auch die meisten Insekten, während sich einige Arten explosionsartig und zum Schaden des Menschen vermehren und dann chemisch vernichtet werden. Im Winter sind folglich nicht genügend Beutetiere verfügbar.


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