1. Die Jahreszeiten – Jahresperiodik

Wichtige alljährliche Aktivitäten und Ereignisse im Leben eines Vogels wie die Brut, die Mauser und eventuelle Wanderungen müssen auf die Jahreszeiten abgestimmt sein, sie dürfen normalerweise nicht in die kalte Jahreszeit fallen; Winterzeit ist in der Regel auch für Vögel Ruhezeit.

Das Verhalten vieler Vogelarten im Laufe eines Jahres wird allerdings nicht direkt von der Umwelt, sondern zunächst von einer »Inneren Uhr« gesteuert, deren Perioden (Umläufe) in diesem Fall ungefähr (!) ein Jahr dauern und die man deshalb auch als »circannual« bezeichnet. So ist es zu erklären, daß manche Brutvögel uns schon im Hochsommer verlassen, noch bevor sich das Wetter verschlechtert.

Diese innere (endogene), weil erblich verankerte Periodik wird allerdings durch äußere (exogene) Reize beeinflußt und so mit den herrschenden Umweltbedingungen in Einklang gebracht; und auch diese Reize (z.B. Lichtintensität und Tageslänge) signalisieren dem Vogel einen jahreszeitlichen Wechsel der Umweltbedingungen, noch bevor dieser tatsächlich eintritt.

Verglichen etwa mit den Subtropen sind nun die Jahreszeiten in Mittel- und Nordeuropa vor allem durch große Temperaturunterschiede geprägt: Der warmen Jahreszeit, in der sich die meisten Vögel vermehren und recht bequem ernähren, folgt der Winter, der die Existenz der Individuen durch Kälte und Nahrungsmangel gleich doppelt bedroht; und die kurzen Tage und langen Nächte erschweren die Futtersuche und damit die Deckung des erhöhten Energiebedarfs noch zusätzlich. Auf diesen Wechsel der Jahreszeiten muß sich ein Vogel durch seine »Innere Uhr« einstellen, um die kalte und unwirtliche Jahreszeit überbrücken zu können. Dafür gibt es grundsätzlich zwei Methoden: Flucht oder Anpassung.

Vögel können sich einer lebensfeindlichen Umwelt rechtzeitig und viel schneller als die meisten anderen Tiere – nämlich durch ihr Flugvermögen – entziehen. Südeuropa und vor allem der afrikanische Kontinent sowie andere warme Erdteile bieten ihnen ähnliche Temperaturen und Lebensbedingungen wie im sommerlichen Europa, so daß sie zweimal im Jahr "wandern": erst zu uns ins Brutgebiet und dann zurück ins Winterquartier.

Dennoch gibt es auch im Winter bei uns Vögel. Man kann sie grob folgenden Gruppen zurechnen: »Standvögel« wie z. B. der Haussperling bleiben auch im Winter in ihrer Brutheimat, »Strichvögel« (z. B. Meisen) weichen ungünstigen Witterungszonen nur kleinräumig aus und zeigen insgesamt ein artlich recht unterschiedliches Zugverhalten; »Teilzieher« (z. B. Amseln) sind zum Teil Zug- und zum Teil Standvögel, so daß einige Individuen oder Populationen aufgrund ihrer erblichen Veranlagung auch im Winter bei uns bleiben. *)

Die optimale Form der Anpassung wäre für diese Vögel der Winterschlaf, der in der Vogelwelt aber offenbar nur von einer amerikanischen Art (Phalaenoptilus nuttallii) verwirklicht wird [2]. Der Mechanismus der »Kältestarre« (Torpidität bzw. Torpor) ist zwar zum Ausgleich eines kurzzeitigen Temperaturabfalls durchaus verbreitet, reicht aber für die Überwinterung nicht aus. Dennoch können unsere "Wintervögel" der Kälte trotzen.


*) Die Ausdrücke Strichvögel und Teilzieher werden nicht ganz einheitlich und manchmal für denselben Begriff gebraucht.

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