Futterpflanzen  · Niststrukturen 

Schutzmaßnahmen für Insekten

Auch wenn den Menschen etliche Insektenarten aus verschiedenen Ordnungen – Käfer, Läuse, "Motten" & Zünsler, "Wespen" etc. – als Lästlinge und Schädlinge gelten, haben Biologen & Ökologen, Naturfreunde und auch viele Politiker und Privatpersonen längst verstanden, daß die Tierklasse der Insekten ein integraler, lebensnotwendiger Bestandteil unseres Ökosystems ist. Die Vorstellungen darüber, wie wir die Insektenfauna schützen, das sogenannte Insektensterben aufhalten sollten, sind allerdings oftmals naiv und hilflos. Nicht wenige Aktivitäten bzw. Maßnahmen sind wenig oder gar nicht wirksam, einige gar kontraproduktiv:

  • Die beliebteste Maßnahme folgt der Praxis des privaten Vogelschutzes: Seit mindestens einem Jahrhundert hängen Vogelfreunde Vogelnistkästen an Hauswände, Bäume, Pfähle etc. und Futterknödel an Äste und Zäune, um unsere "Gefiederten Freunde" zu unterstützen. Das hält die häufigsten Arten (allen voran zwei Höhlenbrüter: Blau- & Kohlmeise) in unseren Gärten; Artenvielfalt aber ließ und läßt sich so nicht erhalten, die einst große Anzahl der Arten wie auch ihrer Populationen bzw. Individuen nimmt immer weiter ab, die allermeisten Vogelarten finden im heutigen Siedlungsraum des Menschen wie auf seinen Agrarflächen weder Niststrukturen noch Nahrung.
        Das gilt analog für den vermeintlichen Insektenschutz: Seit Jahrzehnten bereits zieren auch – meist kleine, manchmal große, repräsentative – "Insektenhotels" unsere Gärten und Parkanlagen; dem Artenschutz sind sie allerdings noch weniger dienlich als Vogelnistkästen: Ihre Zielgruppe sind (analog zu den Höhlennistern unter den Vögeln) ohnehin nur die wenigen Totholzbewohner unter den Solitärbienen und -wespen; selbst diese aber finden nur in den wenigsten Nisthilfen geeignete Niststrukturen, da fast alle käuflichen "Insektenhotels" mehr oder weniger unbrauchbar sind: Ihre typischen Merkmale sind übergroße Bambusröhren, Fichtenzapfen, Heu & Holzspäne, "Schmetterlingskammern" mit Schlitz und mangelhafter Regenschutz. Eigentlich ist bereits der Begriff Insektenhotel Indiz dafür, daß die Hersteller und Anbieter von der Biologie der Insekten nichts verstehen: Es geht schließlich nicht um Übernachtung mit oder ohne Frühstück, sondern um Fortpflanzung & Arterhalt.
        Mängelfrei und brauchbar sind die allerwenigsten käuflichen Nisthilfen (vor allem sachkundig produzierte Nistziegel) und nicht zuletzt die Produkte all jener versierter Heimwerker, die sich entomologische Expertise angeeignet und Freude an der Beobachtung des Brutgeschehens haben.
        Wirklich nützlich, ja notwendig sind jene Nisthilfen, die einen erkannten lokalen Mangel an natürlichen Niststrukturen ausgleichen sollen und können, von Experten konzipiert wurden und zuverlässig gewartet werden.
  • Nicht nur unnütz, sondern geradezu kontraproduktiv bzw. schädlich ist die zunehmende, auch private Haltung und Zucht von Honigbienen, die vor Jahren ernsthaft als probates Mittel gegen das "Bienensterben" und die "Bestäuberkrise" propagiert wurde. Man stelle sich vor, als wirksame Maßnahme gegen das Verschwinden unserer Singvögel würde ernsthaft die Zucht von Kanarienvögeln empfohlen und gegen das Aussterben unserer Birk-, Hasel- & Rebhühner sowie Wachteln die Hühnerzucht und Eierproduktion. Im Falle der Honigbienenhaltung kommt hinzu, daß Imker ihre Nutztiere in der Regel auf Flächen (sogar in Naturschutzgebieten) sammeln lassen, die ihnen nicht gehören, und sich dort Ressourcen (Pollen & Nektar) aneignen, auf das wilde Insekten (Bienen, Wespen, Schwebfliegen, Käfer etc.) angewiesen sind.
  • Wenig effektiv, wenn nicht "Augenwischerei", ist schließlich der Insektenschutz, der nicht praktiziert, sondern nur dargestellt wird: Man denke an die Hunderten von (nicht immer fachlich korrekten & empfehlenswerten) Faltblättern und Broschüren, die Naturschutz-Ortsverbände und diverse Initiativen, Ministerien und Behörden zur Rolle und Schutzwürdigkeit der Insektenwelt veröffentlicht haben, an die Vorträge zum Thema in lokalen Volkshochschulen, an Unterrichtsreihen in Schulen: Was werden (sollen) Kinder denken, wenn sie erst lernen, was richtig, wichtig und notwendig ist, dann aber in den Folgejahren erfahren, was tatsächlich geschieht? Was sollen Bürger von politischen & juristischen Entscheidungsträgern halten, die zwar den Arten-, Natur- & Umweltschutz als Staatsziel formulieren & beschwören, in "Güterabwägungen" aber regelmäßig wirtschaftlichen Interessen Vorrang einräumen? Solange Schlagwörter wie "Bürokratieabbau", "Globalisierung", "Konkurrenzfähigkeit", "Vollbeschäftigung" etc. die Gedanken und Diskussionen monopolisieren, ist entschlossener staatlicher Artenschutz nicht wirklich zu erwarten. Wirklicher (d. h. wirksamer) Arten- und Naturschutz wäre erst erreichbar, wenn ihm Priorität eingeräumt würde.

Effektiver Artenschutz

Politische Entscheidungsträger können mit einem Federstrich viel Unheil anrichten und jahrelange private Bemühungen um Artenschutz zunichte machen und Naturschutzakteure frustrieren; sie könnten im Prinzip aber auch – guten Willen und Entschlossenheit vorausgesetzt – in kurzer Zeit umweltpolitische Ziele erreichen, die privaten Initiativen jahrelang große Kraftanstrengungen mit unsicheren Erfolgsaussichten abverlangen. Ob nun mit oder ohne politische Entscheidungen (Gesetze, Verordnungen, Projekte etc.) und Unterstützung: Umweltgruppen, Garteneigentümer etc. können ebenso wie Naturschutzbehörden durchaus etwas bewirken, wenn sie sich biologische Expertise aneignen und verstehen, welche Requisiten eine reichhaltige Insektenfauna erhalten und fördern – allen voran die (artspezifischen) Nahrungsquellen und Niststrukturen

Futterpflanzen:

  • Naturschutzverbände und engagierte Buchautoren empfahlen Privatgärtnern schon vor Jahrzehnten, ein "Eckchen" ihres Gartens dem Artenschutz zu "spenden", und viele brachten dieses "Opfer" guten Gewissens, solange sie nicht befürchten mußten, mit zu viel "wilder Natur" das Auge des Nachbarn oder der Öffentlichkeit zu beleidigen: Bei allem Umweltengagement wollte man sich auch nicht Faulheit, Schlampigkeit, mangelnden Ordnungssinn nachsagen lassen. Kirchengemeinden legten hier und da auf ihren Grünanlagen und Friedhöfen "in Verantwortung gegenüber der Schöpfung" kleine "Wildwiesen" an, und manche Kommune, die sich nicht Blindheit vor den Belangen des Naturschutzes nachsagen lassen wollte, begann vor Jahren damit, Baumscheiben, Verkehrsinseln und Fahrbahnteiler "naturnah" zu begrünen: Statt langweiliger Meere von Narzissen, Tulpen etc. gediehen dort nun Hornklee, Kamille, Kratzdistel, Malven, Mohn, Natterkopf und Ziest – und leider auch Exoten aus Afrika und Nordamerika.
  • Das waren und sind kleine, zaghafte Schritte in die (meist) richtige Richtung, in Privatgärten aber längst nicht mutig genug und im öffentlichen (auch konfessionellen) Raum vor allem an der ästhetischen Wirkung orientiert und eher als dargestellten denn als praktizierten Naturschutz zu verstehen. Im Verkehrsraum können Wildblumen sogar ein Problem für den Artenschutz werden: Wenn eine Hummelkönigin, angezogen von einem blütenreichen Mittelstreifen, eine breite, viel und schnell befahrene Fahrbahn überqueren will und dabei von einem Fahrzeug erfaßt wird, geht mit ihr ein ganzes künftiges Volk verloren. In ruhigen, engen Nebenstraßen hingegen sind bepflanzte Baumscheiben (wie unten abgebildet) ein Gewinn fürs Auge wie für die Insektenfauna.
  • Ausgebracht werden die Blütenpflanzen in der Regel als Wildblumen-Mischungen in Tüten oder größeren Gebinden, außerdem als Gehölz-Setzlinge. Die Saatgut-Mischungen werden nach unterschiedlichen Kriterien zusammengestellt:
    • Vegetationsperioden: Manche Mischungen enthalten nur einjährige (annuelle) Pflanzen, andere auch zweijährige (biannuelle) oder mehrjährige, also solche, die von der Keimung bis zur Samenbildung zwei oder mehr Vegetationsperioden benötigen. Ergänzt werden sollten sie durch weitere, vorzugsweise ausdauernde Arten mit dem Ziel einer Wiese, die sich ohne häufige Neuaussaat langfristig selbst erhält.
    • Herkünfte: Einige Mischungen enthalten Samen nur von heimischen (folglich empfehlenswerten) Wildkräutern, andere von Wild- und Kulturarten. "Heimisch" ist allerdings nicht gleich "heimisch": Die Populationen bzw. Unterarten ein und derselben Pflanzenart unterscheiden sich regional in ihrem Genom, weil sie sich über Jahrhunderte an die regionalen, sogar lokalen Klimabedingungen und Bodenverhältnisse angepaßt und in die dortigen Ökosysteme integriert haben. Regionales Saatgut ist deshalb robuster und schützt vor Florenverfälschung, welche die Anpassung zunichte machen würde.
    • Standorte: Viele Pflanzen wachsen bevorzugt oder ausschließlich auf nährstoffarmen und eher trockenen Ruderalflächen oder Felsböden, in Sand- und Kalkmagerrasen, andere können sich auch in nährstoffreichen Böden gegen Konkurrenz behaupten. Möglich ist auch eine Zusammenstellung nach Lichtverhältnissen: sonnig, halbschattig, schattig.
  • Saatgut-Mischungen funktionieren nach dem "Gießkannenprinzip": Mit möglichst vielen Pflanzen sollen möglichst viele Insektenarten gefördert werden. Kundige Insektenfreunde und Artschützer kennen allerdings die Beziehungen zwischen Insekten und ihren Futterpflanzen und möchten gerade die (oftmals gefährdeten) Insektenarten unterstützen, die auf eine Pflanzengattung oder -familie als Nahrungsquelle angewiesen sind, sich ohne diese also nicht fortpflanzen können. Beispiele für solche oligolektischen Arten sind die Natterkopf-Mauerbiene (Osmia adunca) oder die auf Glockenblumen spezialisierten Bienenarten (etwa Andrena curvungula und A. pandellei, Chelostoma campanularum und Ch. rapunculi etc.). Umgekehrt sichert die Zaunrübe (Bryonia spec.) mehreren Insektenarten das Überleben: neben der Zaunrüben-Sandbiene (Andrena flora) auch dem Zaunrüben-Marienkäfer (Henosepilachna argus) und der winzigen Zaunrüben-Bohrfliege (Goniglossum wiedemanni). Die Ansiedlung ausgewählter Pflanzenarten ist also ebenso ökologisch nützlich wie für den Naturfreund reizvoll, lehrreich und befriedigend.
Bepflanzte Baumscheibe
Blütenmeer auf bepflanzten Baumscheiben · Solingen, 20.06.2026
Bepflanzte Baumscheibe

Sand + Beet
Blick auf einen Privatgarten: Sandfläche, neues Wildpflanzenbeet und Wiese · SG, 17. & 18.05.2025
Wiese 2

Wiese 2
Dieselbe Wiese zu Sommerbeginn · Solingen, 21.06.2025

Niststrukturen:

  • Manche Nistplätze der Insekten sind uns nur allzu gut bekannt, etwa die Gespinste und Raupen der Kleidermotte in Wollteppichen oder teurer Wollkleidung oder von Lebensmittelmotten in einer Getreidepackung oder des Apfelwicklers (Cydia pomonella) im Obst. Bekannt und berüchtigt sind auch die Nester und Wanderungen des Eichen-Prozessionsspinners (Thaumetopoea processionea), und wer sich vor Jahren eine Feige in den Garten gepflanzt hat und an ihrem Gedeihen auch im hiesigem Klima erfreut, entdeckt eines Tages, daß sich an ihren Blättern auch der aus dem Süden nachgezogene "Feigen-Spreizflügelfalter" (Choreutis nemorata) fortpflanzt. Ein wenig lästig, aber natürlich nicht schädlich, können auch Mauerbienen werden, wenn sie im Frühjahr jede Öffnung am und im Haus und in diversen Gerätschaften als möglichen und unmöglichen Nistplatz entdecken und dann vielleicht "überredet" werden müssen, doch besser in eine für sie bereitgestellte Nisthilfe auszuweichen.
  • Solche aufgebohrten Hartholzblöcke oder mit Bambus-, Schilf- oder Pappröhrchen befüllten Häuschen sind – oft unter der irreführenden Bezeichnung "Insektenhotel" – seit langem der "Klassiker" unter den Nisthilfen, helfen allerdings oft nur wenig oder gar nicht, da sie meist falsch konstruiert sind. Brauchbar sind meist nur Hartholzblöcke mit verschieden weiten Lochdurchmessern sowie spezielle Nistziegel. Auch die besten dieser Nisthilfen weisen allerdings zwei Nachteile auf: Sie werden nur ganz selten auch von jenen seltenen und gefährdeten Arten besiedelt, die ohne menschliche Unterstützung in der Natur vielleicht keine (oder nur mit Mühe) geeignete Fortpflanzungsstätten finden würden, und vor allem: Sie bieten Nistmöglichkeiten ohnehin nur jenen wenigen Arten, die in natürlichen Bohrlöchern und Spalten nisten. Die allermeisten Arten aber nisten im Boden, andere in lebenden oder abgestorbenen Pflanzen.
  • Irgendwann sind sich auch einige Hobby-Entomologen dieses Problems bewußt geworden ... und haben sich für die jahrelang vernachlässigten "Sandbienen" einen Nistsandkasten ausgedacht und auch gleich eine vermeintlich passende Bezeichnung: das "Sandarium" (eine Wortschöpfung analog zu Terrarium). Seither entstehen vielerorts "Sandarien" und im Internet dazu bebilderte Bauanleitungen. Die allermeisten sind ebenso mangelhaft wie die "Insektenhotels": Sie sind viel zu klein, sie bestehen oft nur oder fast ausschließlich aus Sand (für die allermeisten Arten zu instabil), und sie werden gutgläubig auch dort angelegt, wo es in der Umgebung kein Sandgebiet und folglich auch nicht die wenigen "Sand-Spezialisten" gibt. Mehr als die winzigen Fliegenspießwespen (Gattung Oxybelus) sind dort in der Regel nicht zu erwarten.
  • Wer auf eigenem Grund und Boden Niststrukturen für Bodennister (sogenannte endogäische Arten) schaffen möchte, sollte eine vorhandene möglichst große und vorzugsweise leicht geneigte nährstoffarme (ungedüngte) Fläche weitestgehend von Pflanzenwuchs befreien und, wenn nötig, durch Zugabe von Sand abmagern und auflockern. Zusätzlich attraktiv würde die Fläche durch eine Geländestufe ("Mini-Steinwand"), Schatten-spendende Steine und mürbes Totholz.
Nistfläche
Nistfläche auf dem Naturgut Ophoven · Leverkusen, 10.05.2026

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