Die Situation der Insekten
Vor allem die Autofahrer wissen es: Mitteleuropa und nicht zuletzt das Autofahrerland Deutschland hat in den letzten Jahrzehnten einen dramatischen Insektenschwund erlebt, selbst am Ende langer Strecken findet man kaum mehr als zwei oder drei "Spritzer" zermanschter Insekten auf der Windschutzscheibe, deren Säubern sich in der Regel erübrigt. Froh sollte darüber jedoch niemand sein!
Wissenschaftliche Studien, zuletzt 2017 durch den Entomologische Verein Krefeld, zeigen, daß viele Insektenarten langfristig und sogar kurzfristig immer seltener werden und in bestimmten Regionen oder bundesweit aussterben. Die aktuellen Roten Listen verzeichnen von 7.802 bearbeiteten Insektenarten:
- 358 Arten (4,6 Prozent) als ausgestorben bzw. verschollen;
- 552 Arten (7,1 Prozent) als vom Aussterben bedroht;
- 792 Arten (10,2 Prozent) als stark gefährdet;
- 946 Arten (12,1 Prozent) als gefährdet;
- 311 Arten (4,0 Prozent): als gefährdet unbekannten Ausmaßes.
Ca. 39 Prozent sind somit weniger oder mehr gefährdet, und 3.312 Arten = 42,5 % weisen eine negative langfristige Entwicklung auf. Diese wird in den Medien und auch unter Wissenschaftlern und Umweltschützern oft auf die Folgen einer weltweit zu beobachtenden Abnahme der bestäubenden Insekten (pollinators), nämlich die Gefährdung der Nahrungsproduktion reduziert. Das scheint ein probates Argument zu sein, die Menschen wachzurütteln, es ist aber im doppelten Sinne falsch bzw. sogar kontraproduktiv:
- Einerseits sind bestäubende Insekten – und andere Tierarten – nur für den (kleinen) Teil der Nahrungspflanzen des Menschen notwendig, der tatsächlich von der Bestäubungsleistung der Insekten abhängig ist und daher als entomophil bzw. zoophil bezeichnet wird. Die wichtigsten Nahrungspflanzen, nämlich Getreidesorten, sind jedoch anemophil, sie werden vom Wind bestäubt: Mais, Weizen (Arten der Süßgras-Gattung Triticum), Reis, Gerste, Hirse, Hafer und Roggen. Eine weitere wichtige Nahrungspflanze, die seit 13.000 Jahren in tausenden Sorten gezüchtete Kartoffel, wird vegetativ vermehrt; Hülsengemüse vermehrt sich überwiegend durch Selbstbestäubung.
- Andererseits geht die Rolle der Insekten als Teil der Biozönose weit über ihre Bestäubungsfunktion für Wild- und Kulturpflanzen hinaus: Das Überleben z. B. vieler Vogelarten, aber auch Amphibien-, Reptilien- und Säugetierarten hängt von ausreichend großen Insekten-Populationen ab, und manche Funktionen der vielen Insektenarten im Ökosystem werden von uns Menschen nur unzureichend verstanden. Dieses Verständnis wird zusätzlich durch die Abneigung vieler Zeitgenossen gegen die "lästigen Krabbeltiere" behindert.
Ursachen
Eine einzelne Ursache für den Insektenschwund ist nicht anzunehmen – es sei denn, man sagt zusammenfassend: "Es ist der Mensch". Die Ursachen bewirken das Insektensterben auch nicht isoliert (nebeneinander her), sie verstärken sich vielmehr gegenseitig. Die meisten Ursachen, da sind sich die Fachleute der biologischen Wissenschaft einig, sind das – (un)beabsichtigte – Resultat der industrialisierten Landwirtschaft bzw. Agrarindustrie, wie wir sie seit ihren Anfängen im 19. Jahrhundert und ihrer Hauptphase nach dem Zweiten Weltkrieg kennen, sowie unserer von Profitdenken und Wohlstand geprägten Siedlungsweise:
- Lebensraumveränderung bzw. -zerstörung:
Anders als Imker und manche Naturschützer glauben machen wollen, schadet unserer Insektenfauna nicht vorrangig der Gifteinsatz der Landwirtschaft, sondern in erster Linie die schon aus der Vogelperspektive sichtbare Überformung der Landschaft:
- Ein Mittel zur Intensivierung der Landwirtschaft waren und sind sogenannte Flurbereinigungen: Dieser Euphemismus meint die Zerstörung einer kleinräumigen, also strukturreichen (schmutzigen?) Flur durch Zusammenlegung ihrer Teile zu größeren, homogenen Einheiten. Diese "Agrarsteppen" lassen sich besser (kostengünstiger, profitabler) maschinell bewirtschaften, enthalten aber nicht mehr die für Insekten und andere Tiergruppen wichtigen Strukturelemente wie Gehölzinseln, Hecken, Raine, Senken und Kleingewässer. Diese werden allerdings auch ohne "Flurbereinigung" immer wieder vernichtet.
- Was Landwirte aus dem Bestreben der Rationalisierung bzw. Profitsteigerung betreiben, tun Kommunen und Privatleute aus schierem Ordnungssinn: Ruderalflächen (vulgo: "Schandflecken") werden beseitigt, Lehmwege werden verschottert ("befestigt"), Wegränder vor oder während der Blüte gemäht ("verkehrsgesichert"). Was in der Psyche
jener Zeitgenossen vorgeht, die ihre Vorgärten in sterile Schotterflächen verwandeln, mag sich jeder selbst vorstellen.
- Trotz stagnierender oder abnehmender Bevölkerung werden immer weitere Flächen mit Wohnhäusern und Gewerbeanlagen überbaut, für Straßen und Wege, Park- und andere öffentliche Plätze asphaltiert. Tag für Tag geht so in Deutschland mehr als ein Quadratkilometer Natur verloren – und damit Lebensraum auch für Insekten.
- Stickstoffbelastung:
Die traditionelle Bodendüngung mit Mist und Gülle wurde durch die großindustrielle Herstellung von Mineraldünger revolutioniert. Dieser ermöglichte eine zuvor undenkbare Steigerung der Ernteerträge und in der Folge das uns bekannte große Wachstum der Weltbevölkerung. Diese hat durch die Abgase ihrer Heizkraftwerke und Autos das Stickstoffangebot in Luft und Boden unnatürlich erhöht. Vom Stickstoff-Überangebot profitieren nur wenige Pflanzenarten, die sich gegen viele andere durchsetzen und so die Pflanzenvielfalt reduzieren; gerade hochspezialisierte Insektenarten verlieren so ihre Symbiose-Partner. Eine Lösung ist nicht in Sicht, da Futter (Soja) und Dünger weiter in großen Mengen importiert werden, die Gülle aber nicht in die Ursprungsländer zurückgeführt wird.
- Pestizide:
Sogenannte Pflanzenschutzmittel in der Land- und Forstwirtschaft, aber auch im privaten Bereich wirken meist nicht spezifisch auf Schadorganismen, sondern auch auf andere Arten. Besonders gefährlich sind Neonikotinoide, die u. a. Wildbienen und die domestizierten Honigbienen schädigen. Wenn der Gesetzgeber sich nach Jahren der Prüfung zum Verbot eines solchen Gifts durchringen kann, bringt die chemische Industrie sogleich ein nicht minder gefährliches Nachfolgeprodukt auf den Markt.
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