Tödliche Sonnenblumenkerne

Wenn Vogelfreunde im Herbst ihre Nisthöhlen reinigen, entdecken sie immer wieder einmal ein oder zwei mumifizierte oder skelettierte Meisenkinder im Nistmaterial. Diese sind allerdings noch kein Grund für ernsthafte Besorgnis, da solch geringe Verluste von der Natur durch die Gelegegröße (Kohl- und Blaumeisen: bis zu 12 bzw. 14 Eier) leicht ausgeglichen werden. Ein Problem gibt es jedoch, wenn die gesamte Brut tot im Nest liegt.

In einem der letzten Frühjahre war eine Schwegler-Großraum-Nisthöhle wie jedes Jahr belegt – diesmal, wie meist, von einem Kohlmeisenpaar. Großraumkösten mit einer Brutraumfläche von ca. 14 x 19 cm sollen bekanntlich verhindern, daß die Altvögel mit nassem Gefieder auf ihrem Nachwuchs landen müssen oder ihn in fortgeschrittenem Nestlingsstadium nur noch vom Flugloch aus füttern, wodurch die sogenannten "Nesthäkchen" verhungern. Ich erwartete also wie in den vergangenen Jahren eine problemlose und erfolgreiche Brut. Im April blieben die Altvögel jedoch schon vor dem erwarteten Zeitpunkt des Ausfliegens der Jungen plötzlich weg. Znächst nahm ich an, ich hätte den Zeitpunkt des Brutbeginns verpaßt, schließlich wurde ich aber neugierig und kontrollierte die Nisthöhle. Ergebnis: neun tote und vertrocknete Nestlinge (Abb.1), deren Großgefieder-Federscheiden gerade im Aufreißen begriffen gewesen waren.

Ein halbes Dutzend möglicher Gründe kommen für einen solchen Totalverlust in Frage:

  1. Verhungern aufgrund von Störungen: Dies war hier extrem unwahrscheinlich, da Kohlmeisen innerhalb menschlicher Siedlungen nur auf starke Störungen empfindlich reagieren, eine solche aber nicht vorgekommen war.
  2. Verhungern mangels Insekten: Eine ausgesprochene Schlechtwetterperiode hatte es allerdings in dem betreffenden Zeitraum nicht gegeben.
  3. Verhungern durch Tod der Eltern: möglich, aber hier nicht sehr wahrscheinlich, da es im unmittelbaren Umfeld des Grundstücks keinen Straßenverkehr gibt. Meisen werden allerdings von Katzen erbeutet.
  4. Vergiftung durch Biozide: war zwar nicht ausgeschlossen, in der Nachbarschaft war aber erst nach dem Ausbleiben der Altvögel Gift gegen die "riesige Blattlausplage" gespritzt worden (übrigens unnötig, da betroffene Sträucher wieder ausschlagen).
  5. Tod durch bakterielle Erkrankung: durchaus möglich – besonders wenn verdorbenes Vogelfutter im Spiel ist.
  6. Tod durch falsches Futter: ebenfalls möglich, da Nachbarn schon in früheren Jahren ihre Winterfütterung bis in die Brutzeit hinein aufrechterhalten hatten und die schwerer verdauliche pflanzliche Kost für Meisen- und viele andere Nestlinge noch ungeeignet ist.

Zum Glück warf ich das Nest nicht sogleich auf den Komposthaufen, sondern fotografierte es erst und untersuchte es dann. Die wahrscheinliche Ursache für die kleine Tragödie wurde nämlich erst sichtbar, als ich die vertrockneten Jungtiere aus dem Nistmaterial löste und dabei zwischen und unter ihnen in der oberen Schicht 17 (!) alte Sonnenblumenkerne entdeckte. Offenbar hatten die Altvögel statt tierischer Proteinträger, auf die die Vogelbrut angewiesen ist, die bequem erreichbaren Sonnenblumenkerne angeboten; deren Aufnahme wurde entweder komplett verweigert, oder aber die Jungmeisen schluckten anfangs tatsächlich einige Kerne, die dann entweder schon durch ihre pflanzliche Natur eine Verdauungsstörung oder aufgrund ihrer bakteriellen Verseuchung gleich eine Darminfektion verursachten.

Wieso aber verfüttern Altvögel Samen statt Insekten, Spinnen etc.? Die Antwort hängt sicherlich damit zusammen, daß es die bei Meisen beliebten fetthaltigen Samen der Sonnenblume in der Natur zur Brutzeit nicht gibt, so daß die Vögel überhaupt nicht gezwungen waren, für diese Zeit ihr Futterschema zum Schutz der Jungen auf tierische Kost einzuengen.

Meisen sammeln im Frühjahr das, was es zu dieser Jahreszeit natürlicherweise gibt: Raupen, Blattläuse, Spinnen etc.; in großen Massen vorkommende Beutetiere werden aus Gründen der Arbeitsökonomie bevorzugt und bestimmen das zur Zeit gültige Suchbild mit – d. h. Schlüsselreize wie eine bestimmte Form, Farbe oder Bewergung des Futtertiers, die den Beutefang auslöst. Wird die bevorzugte tierische Nahrung seltener, können manche Vögel auf andere, gerade besonders häufige Beute ausweichen, also ein neues Suchbild entwickeln.

Im dargestellten Fall könnte es nun so gewesen sein, daß den Kohlmeisen die jederzeit leicht und in beliebigen Mengen erreichbaren Sonnenblumenkerne gegenüber dem weiterhin vorhandenen, aber vielleicht geringeren tierischen Futterangebot als die weitaus üppigere und somit attraktivere Nahrungsquelle erschienen; sie wirkten in ihrer Masse als übernomaler Auslöser des Beutefangs und wurden folglich als neues Suchbild "einprogrammiert". Daß dieses auch die Barriere zur (im Frühjahr unnatürlichen) Nahrung durchbrechen kann, läßt sich vielleicht dadurch erklären, daß die Sonnenblumenkerne unseren Stadtmeisen aus der Herbst- und Winterzeit sehr vertraut sind und daß die Vögel geradezu auf dieses Futter dressiert werden, so daß sie schließlich sogar in Häuser eindringen. Dieses "zivilisierte" Verhalten mag dem Menschen interessant und "putzig" erscheinen, den Vögeln aber tut es, wie wir sehen, nicht gut.

Vogelfreunde sollten aus solchen durch Gedankenlosigkeit verursachten Vorfällen Konsequenzen ziehen und zunächst überprüfen,

Hat sich der Vogelfreund für eine überlegte Fütterung entschieden, sollte er diese auf die wirklichen, eisigen Schlechtwetterlagen beschränken (dann aber durchhalten), bei Temperaturen im Plus-Bereich (Infektionsgefahr!) den Futterplatz immer wieder säubern – und vor allem: spätestens zu Beginn der Brutzeit im März kein Körnerfutter mehr anbieten.



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