Viele Menschen leiden an Allergien, besonders in den hochentwickelten Industristaaten, wo sie längst als typische Zivilisationskrankheiten wahrgenommen werden, die seit Jahrzehnten zunehmen. Seit langem bekannt ist insbesondere der Heuschnupfen (engl.: hay fever): grob geschätzt ein Viertel der Kinder und Jugendlichen leidet hierzulande unter dieser durch saisonalen Pollenflug ausgelösten allergischen Rhinitis. Allgemein bekannt sind auch Allergien gegen Hausstaub, Tierhaare bzw. Milben, Mehl (in Bäckereien) oder bestimmte Chemikalien (z. B. im Friseur-Handwerk) oder Metalle wie etwa Nickel. Dennoch haben nicht wenige Menschen eine nur vage Vorstellung davon, was die Wörter Allergie und allergisch bedeuten.
Eine Allergie äußert sich in einer überschießenden und deshalb krankhaften (allergischen) Abwehrreaktion des Immunsystems auf körperfremde Stoffe. Diese (und viele weitere medizinische) Termini sind altgriechischen Ursprungs. Die erste Silbe in Allergie, also all-, bedeutet 'anders, verschieden' und kommt z. B. auch in den Termini Allegorie ('andere Art öffentlicher Ansprache'), Allel ('Genvariante') oder Parallele ('bei einander') vor. Die weiteren zwei Silben, nämlich ergie, sind aus Energie bekannt, die eine 'körpereigene Kraft' bezeichnet. Analog zu Energie wurde Allergie als 'körperfremde Kraft' gebildet; gemeint war eine fehlgeleitete Reaktion des Körpers auf fremde Stoffe, sogenannte Allergene bzw. Antigene. Antigen ist eine Verkürzung von engl. antibody-generating, sprich 'Antikörper-generierend‘ (bzw. -'erzeugend'), wobei generieren wie Generation auf altgriechisch genos ('Abstammung, Familie, Gattung' etc.) zurückgeht. Die Allergene bzw. Antigene sind also die "Bösen" die Antikörper hingegen die "Guten".
Zwar sind der medizinischen Forschung mittlerweile viele Allergie-Auslöser bekannt, noch nicht zufriedenstellend geklärt ist aber, warum viele Stoffe, die jahrhundertelang keine oder kaum Probleme bereiteten, heute verstärkt Allergien auslösen. U. a. werden folgende Ursachen diskutiert:
Sauberkeit gilt spätestens seit der Industriellen Revolution als oberstes Gebot der Gesundheitsvorsorge: Wenn sich Menschen auf engem (urbanem) Raum in unnatürlich hoher Konzentration zusammendrängen, entstehen für Bakterien, Viren und andere Parasiten attraktive "Monokulturen", in denen sie sich schnell ungehindert vermehren können. Bakteriellen Infektionskrankheiten wie der Cholera konnte man in städtischen Ballungszentren durch den (Aus-) Bau unterirdischer Kanalisation erfolgreich vorbeugen: schon 1739 in Wien, 1842 in Hamburg, 1858 in London, 1873–1909 in Berlin etc. Deren Erfolg hing und hängt auch von der individuellen Sauberkeit ab: Es dauerte z. B. bis ins letzte Drittel des 19. Jahrhunderts, bis auch in Krankenhäusern Hygiene – abgeleitet von hygieia (υγιεια), zugleich Name der griechischen Göttin der Gesundheit, Sauberkeit und Reinheit – als unverzichtbar erkannt und als eigenständige Disziplin institutionalisiert wurde. Auch durch Kontakt- bzw. Schmierinfektion verbreitere Virus-Erkrankungen wie die Kinderlähmung ließen und lassen sich mit individueller Hygiene eindämmen, jedoch nur durch vorbeugende Schutzimpfungen völlig vermeiden.
Hygiene ist laut Definition der Deutschen Gesellschaft für Hygiene und Mikrobiologie (DGHM) die "Lehre von der Verhütung der Krankheiten und der Erhaltung, Förderung und Festigung der Gesundheit". Wichtige Maßnahmen waren und sind die Vermeidung bzw. Entsorgung von Unrat aller Art und die Körperpflege, angefangen mit dem Händewaschen. Das Verständnis für die Wichtigkeit von Hygiene und ihre Praxis waren im Laufe der Geschichte sehr unterschiedlich. Als schließlich die Industrie das Thema entdeckte, entstand schnell ein riesiger Markt für (im weitesten Sinne) Hygieneprodukte aller Art: Reinigungsgeräte wie Staubsauger & Hochdruckreiniger, Trocken- & Feuchttücher, Seifen- & Deinfektionsmittelspender, Schutzkleidung etc. Der moderne Stadtmensch wollte (oder sollte) sich sein eigenes sicheres weil keimfreies Biotop schaffen, das ihn von der bedrohlichen Natur isoliert und schützt. Die schlichte Formel lautete: isoliert = sauber = gesund.
Es dauerte jedoch nicht lange, bis sich vor allem die westliche Zivilisation mit (zunächst) unerklärlichen, beunruhigenden Fakten konfrontiert sah: Naturvölker waren, wenn sie nicht gerade unter eingeschleppten Krankheiten oder Mangelernährung litten, ohne die Segnungen westlicher Zivilisation eher gesünder als Menschen in den Industriestaaten. Als nach dem Fall der Berliner Mauer die beiden deutschen Staaten vereinigt wurden und die Geheimhaltung der dramatischen Umweltschäden insbesondere durch den Braunkohletagebau in der DDR ein Ende fand, stellte man erstaunt fest, daß DDR-Bürger etwa aufgrund stark verschmutzter Atemluft oder des Uranbergbaus durchaus unter Lungenkrankheiten (COPD für chronic obstructive pulmonary disease, Lungenkrebs) litten, dennoch aber weniger Allergien aufwiesen. Ähnliches ließ sich in Karelien feststellen: Als nach der Auflösung der Sowjetunion 1991 die "Karelische Autonome Sozialistische Sowjetrepublik" zur Republik Karelien wurde, ermöglichte der neuerliche Grenzverkehr einen Vergleich zwischen den Finnen beiderseits der Grenze mit einem klaren Ergebnis: Die in Rußland wohnenden Karelen lebten einfacher, traditioneller, ländlicher ... und gesünder: Kinder auf der russischen Seite der Grenze hatten häufigen Kontakt mit Rindern und anderen Nutztieren, mit Erde und Wald und mit vielen Bakterienarten und Sporen in ihrem Häusern, sie aßen selbstangebautes Gemüse ... und litten nur selten an Allergien und Asthma. Kinder auf der finnischen Seite hingegen hielten sich mehr im Haus auf, waren dort weniger Bakterienarten und Sporen ausgesetzt, hatten kaum Kontakt zu Tieren und Natur, aßen selbstangebautes Gemüse ... und litten deutlich mehr unter einer Birkenpollenallergie, Asthma und Heuschnupfen.
Bekannt wurde dies unter dem Begriff "Kuhstall-Theorie": Durch Atmen, Berühren und Nahrungsaufnahme steht das Immunsystem in ständigem Kontakt mit seiner Umwelt und ihren Mikroben. Diese bilden und bereichern ein Mikrobiom, welches das Immunsystem trainiert und stärkt. In einer keimfreien bzw. keimarmen Umgebung ist das nicht möglich.
Untersucht man gesunde Wildtiere, findet man regelmäßig Endo- oder/und Ectoparasiten: Parasitenbefall ist offenbar kein seltener oder tödlicher Krankheitsfall, sondern Teil der Evolution. In weiten Teilen der Erde ist z. B. Wurmbefall auch beim Menschen noch verbreitet, und auch für unsere Großeltern und Eltern war er unangenehme, aber "normale" Realität. Aufhorchen ließ 2006 eine Studie, die bei von Würmern (Helminthen) befallenen Kindern in Vietnam eine um sechzig Prozent verringerte Chance einer Hausstaubmilben-Allergie beschrieben.
Endoparasiten bekämpft der Körper mit Antikörpern, nämlich dem Immunoglobulin E (IgE). Dieses bildet er aber verstärkt auch bei allergischen Reaktionen, was einen Zusammenhang mit Parasitenbefall suggeriert: Wenn in den westlichen Industriestaaten durch Parasiten induzierte Erkrankungen abnehmen, könnte sich das Immunsystem hier eine alternative "Herausforderung" suchen und sie in anderen Allergenen finden, etwa im Kot, aber auch den Eiern und Körperresten von Milben. Noch ist diese Vermutung nicht endgültig bestätigt.
Luftverschmutzung kann eine übermäßige Sensibilisierung auslösen, etwa wenn sich Pollen an Dieselrußpartikel und Feinstaub anheften oder eine Verbindung mit Stickstoffdioxid (NO2) eingehen und beim Einatmen auch in tiefere Lungenbereiche gelangen. Als allergen bekannt sind z. B. der Pollen von Birkenarten (Betula spec.), Haseln (Corylus spec.) und von der Ambrosia (des "Beifußblättrigen Traubenkrauts", Ambrosia artemisiifolia). Letztere ist ein aus Nordamerika eingeschleppter Neophyt, der sich vor allem auf Ruderalflächen und in Gärten mit Futterhäuschen etabliert hat, weil mit Ambrosia-Samen verunreinigte Vogelfuttermischungen Jahrelang im Handel waren und vermutlich immer noch sind.
Nicht nur unter Allergikern hat sich längst herumgesprochen, daß "moderne" Ernährungsgewohnheiten und die häufige, medizinisch nicht angezeigte Einnahme von Antibiotika das Immunsystem beeinträchtigen und Krankheiten auslösen können:
Allergische Reaktionen können auch erblich sein, also z. B. ausgelöst werden, wenn eine Veranlagung zu überschießender Bildung von IgE-Antikörpern (siehe oben) besteht.
Die Exposition des Immunsystems gegenüber Allergenen ist ein "zweischneidiges Schwert": Kinder, die Kontakt mit Tieren und Schmutz, vielen Bakterienarten und Sporen haben, leiden seltener an Allergien (siehe oben). Andererseits können etwa Menschen, die längere Zeit hohen Konzentrationen von Mehlstaub ausgesetzt sind, eine Mehlstauballergie entwickeln. Eine andere bekannte Berufskrankheit unter den Allergien wird gerne "Friseurallergie" genannt, was keine Allergie gegen Friseure oder ihren Beruf meint, sondern gegen die in diesem Beruf verwendeten Chemikalien, die durch häufigen Hautkontakt die Barrierefunktion der Haut schwächen und das Eindringen von Allergenen fördern.
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