Umweltschutz: Antibiotika

Spätestens seit den 1990er Jahren ist die Öffentlichkeit für die Gefahren der Antibiotika-Behandlung sensibilisiert: Antibiotika als Wachstumbeschleuniger, Antibiotika-resistente Keime, Multiresistenzen ("MRSA") in Krankenhäusern etc.

Bundesagrarministerin Aigner kündigte für Mittwoch (11.1.) einen Gesetzentwurf an, demzufolge die Bedingungen in den Hühnerstallen drastisch verschärft werden sollen - "Kosmetik", sagen die Grünen; "viel zu wenig", sagen Verbraucherschützer, weil nur ein Antibiotika-Verbot wirklich helfen könnte. Wie reagieren Sie auf diese Nachrichten? Verzicht auf Geflügelfleisch? Mehr Lebensmittelkontrollen? Mehr Tierschutz, weniger Medikamente - was laut Auskunft der Fleischindustrie höhere Preise nach sich ziehen würde? Wie viel sind Ihnen die Hühner wert?

Es gibt ein niederschmetterndes Bild einer Demokratie ab, wenn sie nicht einmal wirksame Maßnahmen gegen die "tickende Zeitbombe" der Antibiotika-Belastung gegen die Landwirtschaftslobby durchsetzen kann.

Unkritische Anwendung [Bearbeiten]Eine wichtige Ursache ist die unkritische Verschreibung von Antibiotika. Beispielhaft ist die Verschreibungspraxis bei Bronchitis, bei der nur fünf Prozent der Hustenfälle auf Bakterien zurückzuführen sind, der Rest wird durch Viren verursacht, gegen die Antibiotika keinerlei Wirkung zeigen. Durch diesen breiten Einsatz bilden sich Resistenzen. Bei einem echten Bedarf wirken die Antibiotika dann nicht mehr. Antibiotika sollten deshalb nur eingesetzt werden, wenn sie eindeutig indiziert sind. Dies gilt zum Beispiel für eine Lungenentzündung oder fieberhafte Harnwegsinfektion. Die Therapie muss konsequent zu Ende geführt werden. Ein weiterer kritischer Punkt ist der unzureichende Abbau von Antibiotika im Körper. Dadurch gelangen Antibiotikareste ins Abwasser und Bakterien können Resistenzen in den Abwasserkanälen bzw. Kläranlagen durch den dauernden Selektionsdruck ausbilden. Auch durch unterdosierte Antibiotika können Bakterien Resistenzen ausbilden und Resistenzgene untereinander austauschen. Dieser Genaustausch findet insbesondere in Krankenhäusern statt, wo unterschiedliche Bakterienstämme in Kontakt miteinander kommen können und von Bett zu Bett getragen werden. So wird die Bildung von Resistenzen gefördert und auch die Verbreitung resistenter Keime (infektiöser Hospitalismus). Einsatz in der Viehzucht [Bearbeiten]Eine weitere wichtige Ursache für die Verbreitung von Resistenzen ist die Verwendung von Antibiotika zum prophylaktischen Einsatz und als Wachstumsförderer in der landwirtschaftlichen Tierzucht. Hierfür kommen laut Lester A. Mitscher fast die Hälfte der weltweit produzierten Antibiotika zum Einsatz.[3] Mehrere europäische Länder haben diese Praktik deshalb in der Massentierhaltung zur Nahrungsmittelerzeugung seit Mitte der 1990er-Jahre untersagt. In der Folge konnte die Resistenzrate zwar reduziert werden, dennoch bleibt die Ausbreitung der Resistenzen besorgniserregend.[4] Zudem konnte nachgewiesen werden, dass die landwirtschaftliche Ausbringung von Gülle zu einer Zunahme antibiotikaresistenter Bakterien im Boden führt. Außerdem gab es Hinweise, dass entsprechende Resistenzgene häufiger ausgetauscht wurden. Aufgrund des langen Verbleibs der Resistenzen im Boden ist damit ein Eintrag entsprechender Bakterien in die menschlichen Nahrungskette möglich.[5] Seit 2006 sind sogenannte Leistungsverstärker oder Mastbeschleuniger EU-weit verboten. Infektionen am Vieh dürfen weiterhin mit Antibiotika behandelt werden, was jedoch aus Tierschutzgründen auch nötig ist. Die Schlachtung darf jedoch erst nach einer gewissen Zeit erfolgen, in der das Tier die Medikamente abgebaut hat (Wartezeit). Über den Genuss roher Eier und ungenügend gebratenen Fleischs können resistente Erreger dann auch auf den Menschen übertragen werden.

Metaphylaxe: Nachbehandlung, Nachsorge. In der Tiermedizin, vor allem in der Herdenbetreuung, wird der Begriff für spezielle Behandlungen gebraucht, die bei noch nicht klinisch erkrankten Tieren durchgeführt werden. Tritt eine Infektionskrankheit oder Parasitose bei einem Einzeltier auf, werden metaphylaktisch alle anderen Tiere des Bestandes behandelt, da bei ihnen eine gleiche Erkrankung wahrscheinlich ebenfalls im Entstehen ist. [1]Es ist damit eine Sonderform der Prophylaxe in begründeten Verdachtsfällen auf eine konkrete Erkrankung.

Die naheliegende Maßnahme wäre, die Anwendung von Antibiotika völlig zu verbieten, wenn Tiere später ohnehin geschlachtet werden sollen. Erkrankte Tiere wären also sofort zu töten. Wenn die Regierung das durchsetzen will oder kann, sähe die komplexere Alternative so aus:

MRSA = Methicillin-resistenter Staphylococcus aureus = kugelförmiges Bakterium, löst keine Krankheitssymptome aus. Man spricht in diesem Falle von einer klinisch asymptomatischen Besiedlung oder Kolonisation der Person mit dem pathogenen Bakterium („Kolonisationskeim“). Bekommt das Bakterium durch günstige Bedingungen oder ein schwaches Immunsystem die Gelegenheit, sich auszubreiten, kommt es beim Menschen zu Hautinfektionen (Furunkel, Karbunkel), Muskelerkrankungen (Pyomyositis), in ungünstigen Fällen auch zu lebensbedrohlichen Erkrankungen wie Lungenentzündung, Endokarditis, Toxisches Schock-Syndrom (TSS) und Sepsis. Falls diese Bakterien Resistenzen gegen mehrere wichtige Antibiotika erwerben (Multiresistenz), sind sie besonders schwer zu eliminieren und werden bei Übertragung auf Dritte auch für diese zur Gefahr. Bei Tieren ist S. aureus einer der wichtigsten Verursacher von Mastitis.

Auffallend sind die großen Unterschiede in der Häufigkeit von MRSA zwischen Staaten ansonsten gleichen Niveaus des Gesundheitswesens.[12] Während in den skandinavischen Ländern der Anteil von MRSA unter den S. aureus-Stämmen gering ist und in den Niederlanden bei ca. 3 % liegt, beträgt die MRSA-Rate im benachbarten Deutschland durchschnittlich etwa 25 %,[13] wobei es – vermutlich je nach Krankenhaushygiene – starke lokale Unterschiede gibt (bis über 50 %). In den südeuropäischen Ländern, den USA sowie in vielen asiatischen Ländern (Japan) liegen die Werte sogar bei 30 bis über 70 %. Auch in Gefängnissen, ambulanten Diensten, öffentlichen Duschen und dergleichen finden sich MRSA.

MRSA stellen weltweit vor allem in Kliniken eine Gefahr dar. Besonders betroffen sind die chirurgischen Intensivstationen, Abteilungen für Brandverletzungen und Neugeborenenstationen. Der Anteil von Personen mit MRSA zu nicht betroffenen Personen (Prävalenz) bei Bewohnern von Altenheimen und Patienten von Reha- und Akutkliniken lag im Kreis Höxter zwischen 1,2 und 3,4 %.[14] In Deutschland infizieren sich etwa 50.000 Patienten je Jahr mit MRSA. In manchen Kliniken beruhen bis zu 30 % der dort erworbenen Infektionen auf MRSA. Eine unbekannte Anzahl von Patienten ist schon bei der Aufnahme in die Klinik infiziert, ohne es zu wissen. Hier kann nur eine Eingangsuntersuchung Klarheit verschaffen, wie sie in den Niederlanden durchgeführt wird. Nach Angaben der Techniker-Krankenkasse Schleswig-Holstein ist die Zahl der MRSA-Erkrankungen in den Kliniken dieses Bundeslandes von 2006 bis 2009 um 192 % gestiegen (von 191 auf 557 Fälle). Auch die Zunahme in anderen Bundesländern lag bei teilweise über 200 %.


Leitseite Tier und Natur Nach oben Bio-Kraftstoff