Tier & Natur > >  Heuschrecken

Tarnung: Mimese

Der Begriff Verhalten wird in der Ethologie (Verhaltenskunde) in einem weiten Sinne verstanden, er bezieht sich auf alle Bewegungen, Lautäußerungen und Körperhaltungen eines Tieres. Wenn man z. B. Klaus Immelmanns Wörterbuch der Verhaltensforschung ¹ konsultiert, findet man auch Erläuterungen und Beispiele zu den Stichwörtern Mimese und Mimikry. Letztere ist unter Naturfreunden bekannter: Als 'Warntracht' soll sie auffallen und abschrecken, die bekanntesten Beispiele liefern jene Insekten, die Wespen nachahmen und so Gefährlichkeit (Stechfreude) vortäuschen. Mindestens so wichtig wie die Mimikry ist die Mimese, die 'Verbergetracht' bzw. 'Tarntracht': Lebewesen imitieren ihre Umgebung – Boden, Äste, Blätter, Blüten, Vogelkot etc. – in Farbe, Musterung und (angeborener oder angenommener) Gestalt und sind deshalb für Beutegreifer weniger wahrnehmbar; unter dem Selektionsdruck der Prädatoren haben sich solche Arten im Verlauf der Evolution in ihrer äußeren Erscheinung so weit an ihre bevorzugten Lebensräume angepaßt, daß sie mit diesen geradezu 'verschmelzen'. Das vielleicht bekannteste Beispiel für diese Somatolyse ('Auflösung, Verschmelzung') bieten vielleicht die "Wandelnden Blätter" aus der Ordnung der Gespenstschrecken (Phasmatodea), nicht minder verblüffend sind Raupen verschiedener Schmetterlingsarten, etwa die des Nachtschwalbenschwanzes (Ourapteryx sambucaria), die von einem abstehenden Zweig nicht zu unterscheiden sind. Die Raupe des "Birkenspanners" (Endromis versicolora) ahmt gar einen Zweig oder Stengel nicht nur mit ihrer Köperhaltung nach, sondern auch durch Farbanpassung: Ihre Haut nimmt nicht nur Licht wahr, sondern auch die Farbe ihrer Futterpflanzen, sie verfärbt sich entsprechend oder steuert die Wahl der Futterpflanze bzw. eines farblich ähnlichen Untergrundes, was an den sprichwörtlichen Farbwechsel der Chamäleonarten und auch vieler Kopffüßer (Tintenfische) erinnert.

Im Falle vieler Heuschreckenarten haben wir es mit Mimese zu tun: Sie erschwert es Beutegreifern, ihre wehrlose Beute zu erkennen. Dabei ist der ethologische Begriff Verhalten von dem zu unterscheiden, was in einem engeren Sinne in der Psychologie üblichwerweise unter Verhalten verstanden wird, nämlich beobachtbares Tun und Reagieren von Menschen und Tieren. Dennoch kann man fragen, ob sich eine Heuschrecke lediglich mit einem angeborenen arteigenen oder (im Falle farblich variabler Arten) populationseigenen Farbmuster tarnt, das dem Farbmuster der bevorzugten Lebensräume mehr oder weniger gut entspricht, oder ob sie sich der Umgebung aktiv durch Orts- oder/und Farbwechsel anpassen kann. Da mancher Leser die Tarntracht ebenso der  "Anatomie" wie auch dem "Verhalten"  zuordnen würde, wird sie hier auf einer eigenen Seite vorgestellt.

Einige wenige Orthoptera-Arten sind kontrasttreich und bunt gefärbt, die meisten Heuschreckenarten aber wenig auffällig in Grün- Braun- und Grau- sowie Gelb- und Rottönen. Sie sind daher meist eher zu hören als zu sehen. Folgt man dem Gesang (dem Stridulieren ) einer Heuschrecke, verstummt er plötzlich, und der Musikant ist nun erst recht nicht zu entdecken – oder erst, wenn er aufspringt und sogleich irgendwo in der Vegetation verschwindet. Viele Fotos in der Heuschrecken-Sektion dieser Website belegen das.
    Die Ursache dieser Tarnung (verhaltensbiologisch: Krypsis bzw. Mimese) ist offensichtlich: Heuschrecken können sich nicht mit Beiß- oder Stechwerkzeugen, mechanisch oder chemisch gegen Prädatoren wehren, und ihr Flugvermögen ist – sofern überhaupt vorhanden – weit weniger entwickelt als das von z. B. Vögeln oder Wespen. Eine weitere defensive "Waffe" ist das enorme Sprungvermögen der Heuschrecken: Ihre Hinterbeinpaar ist erheblich größer und kräftiger als die beiden ersten.

Tettigonia-viridissima
"Grünes Heupferd" (Tettigonia viridissima): gut getarnt im grünen Gras- & Kraut-Dschungel · 11.08.2013

Oedipoda caerulescens
Kaum zu erkennen: Blauflügelige Ödlandschrecke (Oedipoda caerulescens)  · Hildener Heide, 29.08.2015

Oedipoda caerulescens
Durch ihr Farbmuster getarnte Blauflügelige Ödlandschrecke · NSG in Solingen, 09.08.2013

Oedipoda caerulescens
Durch Farbe und Musterung getarnte Ödlandschrecke (Oedipoda caerulescens) · Bonn, 28.06.2009

Chorthippus biguttulus   Chorthippus biguttulus
Nachtigall-Grashüpfer (cf. Chorthippus biguttulus) · NSG in Solingen, 23.08.2016   Chorthippus cf. biguttulus (Nachtigall-Grashüpfer) · Solingen-Ohligs, 07.06.2019


¹ Ethologische Literatur

Falls am linken Bildschirm-Rand keine Verweisleiste zu sehen ist, klicken Sie bitte auf , um den gesamten Frameset anzuzeigen.

Zur Leitseite   Nach oben   Verhalten